Warum es erst ein Virus braucht, damit wir näher zusammenrücken (c) Solidarität in Wiener Wohnhäusern

Warum es erst ein Virus braucht, damit wir näher zusammenrücken

Ausgangsbeschränkungen, Homeoffice, soziale Kontakte minimieren – alles zum Schutz der Risikogruppen. Man sollte meinen der Individualismus - oder Egoismus? - unserer heutigen Zeit erreicht dank COVID-19 seinen Höhepunkt. Aber nein, scheinbar lässt uns die soziale Isolation doch alle näher zusammenrücken. Wie äußert sich das und was können wir für die Post- Corona- Ära daraus lernen?

Solidarität in der Nachbarschaft 

Beginnen wir mit den Wohnhäusern: Wo man früher den Nachbarn nur von einem knappen „Hallo“ im Stiegenhaus kannte, findet jetzt echte Nachbarschaftshilfe statt. An den schwarzen Brettern finden sich plötzlich Zettel mit Angeboten von besorgten Personen, Einkäufe und sonstige Besorgungen für gefährdete NachbarInnen zu übernehmen. 

Punkt 18 Uhr werden die Fenster geöffnet und egal ob Innenhof oder straßenseitig – es ertönt Musik oder Applaus. Nähe trotz Quarantäne. Erkenntnis: Da wohnen ja tatsächlich andere MENSCHEN. Ob der Kontakt zu den NachbarInnen und die Hilfe bei Besorgungen auch die Maßnahmen der Regierung überdauert, sei dahingestellt - wünschenswert wäre es allemal. Gerade in Wien, wo man gerne in der Anonymität versinkt.

Familien rücken wieder näher

Nicht nur die Wahrnehmung und Wertschätzung zwischen Nachbarn scheint in den letzten Tagen aufzublühen. Auf einmal laufen auch die Telefone von Omas und Opas heiß, ihre Kinder und Enkel sorgen sich und wollen ihnen unter die Arme greifen. Der letzte Besuch mag zu Weihnachten gewesen sein, aber umso mehr hat man sich jetzt zu erzählen. 

Und vielleicht wird dem einen oder der anderen auch klar, dass man den Kontakt mit der Verwandtschaft längerfristig auffrischen sollte, solange man noch kann. Tipp: Spätestens in ein paar Monaten wird das Besuchen auch wieder möglich sein.

Aufmerksamkeit für gewisse Berufsgruppen

Abseits der Familie gibt es aber auch zunehmende Anerkennung für die sogenannten systemrelevanten Berufe. MitarbeiterInnen von Dienstleistungsbetrieben und Supermärkten, sonst oft nur mit einem müden Lächeln wahrgenommen, werden plötzlich für ihre harte Arbeit gelobt. Sei es mit netten Worten oder sogar mit Trinkgeld. Rewe und DM erlauben dies erstmals. Hoffentlich vergessen die KundInnen nicht, dass diese MitarbeiterInnen das ganze Jahr über für unsere Versorgung schuften egal ob grad Pandemie ist oder nicht. Dasselbe gilt übrigens für ÄrztInnen, PflegerInnen, SanitäterInnen, PolizistInnen, ApothekerInnen und alle anderen, die weiterhin ihre Arbeit bestreiten.

Und auch LehrerInnen und sonstige KinderbetreuerInnen bekommen - endlich - Anerkennung von Homeoffice und -schooling geplagten Eltern. Das scheint ja wirklich harte Arbeit zu sein, dieses Lehren - und Bändigen - des Nachwuchs. Kann man vielleicht beim nächsten Elternsprechtag bedenken.

Die Zeit für sich selbst

Vergessen wir aber nicht zu guter Letzt die wichtigste Beziehung in unser aller Leben – die zu uns selbst. Gibt es eine bessere Zeit als jetzt, um mal wirklich in sich zu gehen? Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen? Mentale und physische #selfcare zu betreiben? Klar, allein sein mag niemand gern auf Dauer – aber mal allein mit den eigenen Gedanken zu sein darf keine Horrorvorstellung sein. Doch selbst der überzeugteste Individualist fürchtet sich vor wahrer Isolation.

Respekt vor dem Virus ist geboten, die nationalen und globalen Auswirkungen auf die Gesellschaft und jeden Einzelnen sind nicht absehbar. Wenn es aber eine positive Nebenwirkung gibt, dann ist es diese aufkeimende Solidarität - eine tiefgehendere Rücksichtnahme. Das was ich tue hat Auswirkungen auf andere, ich kann sie schützen oder gefährden. Mein Handeln ist nicht separiert vom Rest der Welt, auch wenn sich dieses Mindset in einer vernetzten Welt der Globalisierung und Marktwirtschaft, dessen Markt auf Individualisierung beruht, breitgemacht hat. Darum der Appell, lasst uns gemeinsam den Virus eindämmen – aber den Zusammenhalt verbreiten.

Warum erst jetzt?

In unserem normalen Alltag hat oftmals sehr wenig Platz, was nicht mit unserer Arbeit oder Stress zu tun hat. Wir verbringen sehr viel Zeit mit unseren sozialen Verpflichtungen, die durch die Maßnahmen fast alle wegfallen. Plötzlich sind wir wegen des Coronavirus "gezwungen", unsere Leben in vielen Bereichen zu entschleunigen - es bleibt mehr Zeit. So haben wir die Möglichkeit, den Fokus auch auf andere Dinge zu richten. Dies beizubehalten wird eine große Herausforderung, doch ist es allemal wünschenswert, dass wir auch nach der "Corontäne- Zeit" die Demut und den Zusammenhalt weiter in uns tragen. 

Natürlich verstärkt die Einsamkeit auch das Bedürfnis nach einem distanzierten Zusammensein, wie es bei den Fensterkonzerten oder dem gemeinsamen Klatschen der Fall ist. Aber warum sollten wir nicht ab und an mal auch nach dem ganzen Wahnsinn mit unseren Nachbarn aus den Fenstern heraus ein kleines Pläuschchen halten?

Solidarität in Wiener Wohnhäusern

WARDA NETWORK GmbH