Eine humanitäre Katastrophe - warum ich mich fast schon für die EU schäme (c) Titelbild Credits: questions123 / Shutterstock

Eine humanitäre Katastrophe - warum ich mich fast schon für die EU schäme

Syrien, Türkei, Griechenland – seit der Grenzöffnung durch Erdogan findet sich die Flüchtlingsthematik wieder laufend in den Schlagzeilen. Neben der Diskussion über den Umgang mit den Flüchtlingsbewegungen und den tragischen Vorfällen an den Grenzübergängen dominiert aber die humanitäre Katastrophe meine Überlegungen. 

Und damit meine ich nicht vorwiegend jene, die sich an den Grenzübergängen abspielt, sondern vielmehr jene, die inmitten unserer europäischen Gesellschaft stattfindet.

Dass eine gewisse Kontrolle notwendig ist, um Gefahren und Missbrauch vorzubeugen, ist vollkommen klar. Doch betrachten wir die Handlungen der europäischen Regierungen, wie auch der EU selbst, passiert erstens wieder einmal alles viel zu langsam und zweitens werden erneut Probleme hochgezüchtet, die es unbedingt zu vermeiden gilt. Dass Menschenrechte zudem ausgehebelt werden, ist eine dramatische Entwicklung. 

Die Entwicklungen in unserer Gesellschaft sind für mich mindestens genauso erschreckend, wie jene an den Grenzübergängen. Der Verlust von Menschlichkeitund das Einkehren schon fast barbarischen Verhaltens - scheint immer mehr geduldet zu werden. Und auch hier haben politische Verantwortliche ein Gegensteuern längst verschlafen! Stattdessen werden radikale und die Menschenwürde verletzende Tendenzen geduldet, von manchen Regierungen sogar begrüßt.

Statt eines kontrollierten Ablaufes kommt es zu menschenunwürdigen und tragischen Vorfällen, die sogar teils von europäischen "Mitbürgern" begrüßt und in manchen Fällen bejubelt werden – das finde ich äußerst bedenklich und genau darauf möchte ich genauer eingehen.

Die Kommunikation nach außen seitens der Regierungen hat scheinbar das Ziel, das vorherrschende Problem – und hierbei spreche ich vor allem die Missstände in den Flüchtlingslagern an - kleiner zu reden als es ist; oder mit ihren Aussagen eher an die Angst der Menschen anzuknüpfen und diese damit zu schüren - bewusst oder unbewusst sei einmal dahingestellt. Des Weiteren wird die Türkei in Rechenschaft gezogen - was zum Teil schon legitim sein mag -, doch ist sie nicht Ursprung des Problems. Sie wird viel mehr instrumentalisiert, um den Fokus auf eine andere Debatte zu lenken.

In der laufenden Debatte wird jedoch nicht darauf eingegangen, welcher Umgang mit den Flüchtlingen - und seien es auch reine Wirtschaftsmigranten - gepflegt wird. Erfrieren, erschlagen, vielleicht sogar der Schießbefehl. In welchen Zeiten leben wir? Auf Anfrage, weshalb ein Panzerfahrzeug und Cobra - Polizisten nach Griechenland geschickt werden, kommen nur Phrasen als Antwort - weil man Griechenland helfen möchte. 

Statt dem Leid der Menschen entgegenzuwirken, wird immer wieder nur davon gesprochen, dass sich 2015 nicht wiederholen darf. Statt den Missstände im Umgang mit Flüchtlingen zu beseitigen, wird immer wieder nur davon gesprochen, dass sich 2015 nicht wiederholen darf. Viel wichtiger wäre aber, dass Menschenrechte nicht ausgehebelt werden und sich ein äußerst fragwürdiger Umgang mit der Würde des Menschen und seiner körperlichen Unversehrtheit wiederholt!

Vor allem die Parteien des rechten Flügels missbrauchen diese Vorfälle wieder für ihre Angstmache und das hat zur Folge, dass die MedienkonsumentInnen – um alle Kanäle, wie auch soziale Medien miteinzubinden - mit Meinungen statt stichhaltiger Informationen überflutet werden.

Reaktionen auf die Flüchtlinge aus dem rechten Umfeld

Dieses Thema polarisiert wie kaum ein anderes. Angst gegen Vernunft, Neid gegen Nächstenliebe, Fremdenhass gegen „Willkommenskultur“ – die Spaltung der Gesellschaft in Bezug auf dieses Thema ist schon längst vollzogen, doch die Folgen daraus werden immer weitreichender. Betrachtet man die Reaktionen auf den Vorfall des verstorbenennach dem Recherchenetzwerk Correctiv vermutlich erschossenenSyrer, ist schnell zu erkennen, welcher Jargon und welche Unmenschlichkeit sich inmitten unserer Gesellschaft etabliert haben. Das ist für mich die „europäische humanitäre Krise“.

DieInsider haben hierzu einige Screenshots von fragwürdigen Facebook- Seiten und Gruppen gesammelt.

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Credits: DieInsider

Die AFD und die FPÖ gehen bei ihren Posts natürlich vorweg und bejubeln die Vorgänge in Griechenland, wo beispielsweise der Einsatz von Tränengas erfolgt und rechte Bürgerwehren gewaltsam auf Flüchtlinge losgehen. Eine gewisse Differenzierung zwischen Flüchtlingen und Migranten ist in der politischen Debatte schon nachvollziehbar, aber nicht in der menschlichen - dieses Thema ist zu weitreichend, um es auch in diesen Diskurs miteinzubinden – Stichwort: Verantwortlichkeit für die wirtschaftlichen Missstände in Entwicklungsländern und fehlende Hilfestellung bei der Beseitigung derselben.

Obwohl der rechte Flügel stets die Differenzierung fordert, so schaffen sie es selbst nicht, einen Flüchtling als solchen anzuerkennen. Ganz im Gegenteil – der böse Syrer flüchtet nicht vor dem Krieg oder womöglich auch dem Hungertod, er überschwemmt uns und unser Abendland mit dem Islam - LOL.

Aber bleiben wir beim Thema.

Ein gefährlicher Zeitgeist, den die Politik mitträgt

Es geht noch gar nicht einmal um die Diskussion, ob solch menschenverachtende Gruppierungen verboten werden sollten, sondern um den einfachen Umstand, darauf adäquat zu reagieren. Millionen von Geldern fließen in ExpertInnen für dieses und jenes, für krumme Bananen und genormte Gurken, aber für einen Kampf gegen Desinformation und den Populismus wird kein Geld in die Hand genommen?

Da drängt sich fast die Annahme auf, das alles sei gewollt. Aber es gilt ja die Unschuldsvermutung - Zwinkersmiley. Nur ein bisschen Spekulation.

Rechtsextreme Attentate und Angriffe häufen sich. Utoya und Anders Breivik, Christchurch und Brenton Tarrant, das Einkaufszentrum in München und der Tod von neun Menschen, Kassel und der Tod des Ministerpräsidenten Walter Lübcke, der Versuch eine Angriffs auf die Synagoge in Halle oder auch die erst kürzlich geschehenen Angriffe in Hanau.

Der Geist der Aufklärung und auch jener, moderner humanistischer Bewegungen gehen hierbei komplett verloren. Was war nochmal die Aufgabe der EU? Liegen ihre Anfänge nicht in einer Zeit, nachdem derartige Entwicklungen den Tod vieler Millionen Menschen gefordert hatten? Sind die Grundwerte Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Minderheitenrechte nichts mehr wert? Hab ich da in meinem Studium vielleicht etwas falsch verstanden? Gelten diese nur für eine bestimmte Gruppe, für eine Art westliche Herrenrasse? Es scheint genau so zu sein.

Titelbild Credits: questions123 / Shutterstock

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