Massenware oder Kunst? - Tattoos im Blickfeld (c) Vernissage: Die Kunst des Tätowierens (Tschechisches Zentrum Wien, 19.11.2019 - 15.01.2020)

Massenware oder Kunst? - Tattoos im Blickfeld

Sind Tattoos Kunst? Oder einfach nur ein weiterer Schritt im mainstreamtauglichen Selbstfindungstrip? Das Image als alternatives Körperschmuckstück haben Tattoos schon lange nicht mehr inne – sie liegen seit Jahren im Dauertrend. Aber können Tattoos auch tatsächlich Kunst sein? Diese Fragen stelle ich mir, als ich am Weg zur Vernissage „die Kunst des Tätowierens“ im Tschechischen Zentrum Wien bin. 

Dort angekommen fällt mir als erstes auf: viel von Tattoos ist am ersten Blick nicht zu erkennen. Ausgestellt werden fünf zeitgenössische tschechische Künstler, die alle erfolgreich als Tätowierer tätig sind. Aber nicht nur das – alle sie sind Künstler und kommen aus diesem Bereich. Im Obergeschoss sind „nur“ ihre Gemälde exponiert. Die von der Decke hängenden Folterinstrumente entpuppen sich als Tattoonadeln. Einer der Künstler fertigt sie selbst an. Erst nach ein paar Minuten wird mir klar, dass es einen zweiten Teil der Ausstellung gibt – und hier wird es spannend. 

1579084772 img 20200114 135626

Credits: Vernissage: Die Kunst des Tätowierens (Tschechisches Zentrum Wien, 19.11.2019 - 15.01.2020)

DER AUSSENSEITER DER KUNSTSZENE

Im Keller des Gebäudes werden ganz auf old school mit Diaprojektoren Fotos der Tattoos auf die rissigen Wände projektiert. Warum im Keller? Das Tätowieren wird in der Kunstszene in eine Randposition gedrängt, es wird oft tabuisiert und mit Subkultur verbunden. Das soll mit dem Ausstellungsort verdeutlicht werden. Die projizierten Bilder zeigen jedoch keine Nullachtfünfzehn Motive, man kann sie nicht im Katalog auswählen. Jedes einzelne ist ein einzigartiges Design, vom Tätowierer entworfen. 

1579084323 screenshot 20200115 112043

Credits: Vernissage: Die Kunst des Tätowierens (Tschechisches Zentrum Wien, 19.11.2019 - 15.01.2020)

VOM KNASTI-MERKMAL ZUR MASSENWARE

Wir alle kennen sie – die verschnörkelten Schriftzüge à la „Only god can judge me“ oder „Live. Laugh. Love“, bevorzugterweise unter dem Rippenbogen oder auf dem Rücken. Was früher Erkennungsmerkmal gesellschaftlicher Randgruppen war, findet sich heute in allen Gesellschaftsschichten und auch an allen Körperstellen. Schon mal was von einem Augapfeltattoo gehört? (Nein, ihr habt euch nicht verlesen). Ja, sowas gibt es tatsächlich. Den Schmerz einer solchen Prozedur möchte ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, und von der Sinnhaftigkeit fange ich gar nicht erst an. Die Geschichte der Tätowierung nimmt vor 5.300 Jahren ihren Anfang, bis heute fasziniert uns diese Ausdrucksform. Minimalist, Watercolor, One Line Tattoos – die Liste der Trends reicht weit. . Aber ist das, was da unter die Haut gestochen wird, tatsächlich Kunst? Kann man ein auf die Haut gestochenes Infinity Symbol und ein Werk Picassos in dieselbe Kategorie stecken - Kunst?

ALLES ANSICHTSSACHE

Nein, das kann man vermutlich so nicht. Was man jedoch kann, ist einem Tattookünstler die gebührende Anerkennung zu gewähren. Schließlich kann nicht jeder das Gesicht der aktuellen großen Liebe (die in ein paar Monaten vermutlich sowieso wieder Geschichte ist) auf die Haut stechen und es dabei noch gut aussehen lassen. Weglasern soll übrigens richtig schmerzhaft sein – den Schritt würde ich mir daher nochmal überlegen. Paul von Tinder muss nach zwei Monaten nicht unbedingt euren Körper zieren.

Kunst ist ein weitrechender Begriff – und nicht wenige nützen ihn aus. Eine auf die Wand getapete Banane als Kunstwerk um 120.000 Dollar? Come on… Aber Kunst liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Man vergleicht ja auch nicht Ausdruckstanz mit literarischen Ergüssen. In der Welt der Massentattoos stechen auf jeden Fall Künstler heraus (im wahrsten Sinne des Wortes), die sich gegen den Mainstream weigern und ihre Kunst als solche verstehen und leben. So wie die fünf Künstler der Vernissage zum Beispiel – sie verdeutlichen, dass unkonventionelle Herangehensweisen durchaus erfolgreich sein können. Das ist bloß nicht für jeden etwas – und auch das ist okay. 

Vernissage: Die Kunst des Tätowierens (Tschechisches Zentrum Wien, 19.11.2019 - 15.01.2020)

WARDA NETWORK GmbH