Pornografie: Warum man auf feministische Alternativen zurückgreifen sollte (c)

Pornografie: Warum man auf feministische Alternativen zurückgreifen sollte

Pornografie kann auf diverse Arten unser Sexleben negativ beeinflussen und ein gesundes Frauenbild zerstören. Zudem arbeiten immer mehr Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Kann feministische Pornografie diese Probleme ändern?

Ein kostenloser Pornhub-Premium-Account ist wohl schon lange der feuchte Traum eines jeden Pornoliebhabers und der Corona-Lockdown hat ihn möglich gemacht: Die Streaming-Plattform bot zunächst in Italien ihren Premium-Dienst gratis an, in der Folge dann weltweit. Und wer hätte es gedacht: Ein voller Erfolg für das Unternehmen und damit für den Mainstream-Porno! In unzähligen Studien wurde nachgewiesen: Der Mainstream-Porno kümmert sich primär um männliche Bedürfnisse, erniedrigt Frauen und fördert Gewalt.

Pornos in Zahlen

Bei diesen Voraussetzungen würde man normalerweise von einem Nischenprodukt ausgehen, aber falsch gedacht. Einmal jährlich veröffentlicht der Streaming-Anbieter Pornhub eine Statistik über das Konsumverhalten seiner Zuschauer*innen. 2019 soll demnach ein „juicy“ Jahr gewesen sein: Pornhub verzeichnete 2019 ganze 42 Milliarden Seitenaufrufe, was im Durchschnitt 115 Millionen pro Tag ausmacht. Im Vergleich zu 2018, sei das eine Steigerung der Suchaufrufe von 8,7 Milliarden gewesen. Und das sind nur die Zahlen eines einzigen Anbieters.

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Credits: Pornhub

Ein weiterer Blick auf Statistiken über den weltweiten Online-Video-Verkehr und dessen Effekt auf den Klimawandel - beim Online-Streaming wird CO2 freigesetzt - zeigt zudem: 27% des gesamten Online-Streamings weltweit besteht aus Pornos und verursacht damit weltweit so viel Kohlenstoffdioxid wie das Land Rumänien.

Ich persönlich kenne keinen Mann – zumindest in meiner Altersklasse -, der nicht regelmäßig Pornos konsumiert. Ob klein oder groß; rechts oder links; Akademiker oder nicht. Bei Frauen gehen die Meinungen auseinander, aber dazu später mehr.

Der 16-jährige Bruder eines Freundes beichtete diesem vor kurzem von seiner Pornosucht, die ihn daran hindere, sexuelle Anziehung für „reale“ Frauen zu spüren. Ich habe männliche Freunde, die mir davon erzählen, wie viel Performance-Druck beim Sex auf ihnen liegt und sie deshalb keinen hochkriegen. Der Sex mit meinem Exfreund endete oft darin, dass wir zwanghaft versucht haben, gleichzeitig zu kommen. Nicht nur einmal wurde ich komisch betrachtet, als ich anfing beim Sex zu lachen. Und in den vergangenen drei Jahren habe ich mit fast keinem Mann geschlafen, der nicht beim ersten Mal deutlich machte, dass Analsex das Endziel sei, und zwar einseitig. Ich könnte diese Liste lange weiterführen, aber eines sollte klarwerden: Pornos beeinflussen unser Sexualverhalten und das maßgeblich im negativen Sinne.

Pornos übernehmen Aufklärung

Im Sexualkundeunterricht lernt man, dass Sex der Austausch von Körperflüssigkeiten bedeutet, aus dem - wenn gewünscht – ein Kind entsteht. Wolle man das nicht, müsse man eben einen durchsichtigen Plastikluftballon über eine Banane stülpen, dann passiert da auch nichts. Der Akt an sich wird dabei nicht behandelt. Wenn es dann soweit ist, muss schnelle Hilfe her und die findet sich in Form von pornografischen Inhalten im Netz. Im Schnitt sehen Jugendliche mittlerweile mit 13 Jahren ihren ersten Porno. Kein Wunder also, dass die meisten von uns  alles was sie über Sex wissen, aus Pornos gelernt haben.

Doch durch den Konsum von Videos mit Titeln wie „Anale Bestrafung“, „Blonde Schlampe von hinten geknallt“, oder „Verboten! User fickt mich ohne Gummi“, lernt man wenig bis gar nichts darüber, wie Sex tatsächlich aussieht und aussehen sollte. 

Laut den Zahlen von Pornhub zählen neben „amateur“ vor allem auch Schlagworte wie „asian“, „latina“ oder „bbc“ zu den beliebtesten Suchanfragen auf der Plattform. Das bedeutet im Prinzip, dass rassistische und sexistische Narrative in Pornos zu den Kassenschlagern gehören: Die wehrlose asiatische Frau - oder soll ich lieber Mädchen sagen? - und der mächtige Schwarze Mann. 

Oft geht es dabei um Frauen, die sich entweder bestrafen lassen, nach analer Befriedigung lechzen oder sich ergeben, während der Mann die dominante Rolle einnimmt, oder sich verwöhnen lässt. Ganz zu schweigen von der klaren Rollenverteilung in solchen Pornos werden in keinem dieser Filme Kommunikationsfähigkeit oder Einfühlungsvermögen angepriesen.

Menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse

Auch Amateurpornos sind extrem umstritten. Pornhub erklärt diesen Trend damit, dass Sex immer mehr enttabuisiert wird. Einerseits kann das natürlich als eine positive Entwicklung betrachtet werden. Auf der anderen Seite sind Amateurpornos deutlich schwieriger auf ihre Entstehungsbedingungen zu kontrollieren. Damit möchte ich nicht jedem Pornostar den Gefallen an seinem*ihrem Job absprechen, dennoch bleibt die Kritik legitim. Erst im Januar dieses Jahres musste Pornhub die Ausstrahlung von Pornos des Channels „Girls do Porn“ einstellen, aufgrund von Missbrauchsvorwürfen, des Verdachts auf Menschenhandel zu sexuellen Zwecken und unwürdigen Arbeitsbedingungen.

Das ist nichts Neues. Immer wieder wird von Verstößen gegen angebrachte Arbeitsbedingungen in der Pornoindustrie berichtet. Von siebenstündigen Dreharbeiten, von Frauen, die vor dem Geschlechtsverkehr abführen müssen, oder von Pornostars mit schweren psychischen Problemen. Vor kurzem fragte ich einen Bekannten wie er immer noch Mainstream-Pornos schauen könne, obwohl er sich als Feminist bezeichnet. Seine Antwort: „Mit Pornos ist das wie mit Fast Food. Man weiß, dass es scheiße ist, aber man kann nicht richtig aufhören.“

Frauen und Pornos

Anders scheint die Lage bei weiblichen Pornokonsumentinnen. Lediglich rund 32% der Zuscher*innen bei Pornhub sind weiblich. Als ich im Zuge der Recherche für den Artikel mit Freundinnen über Pornos sprach, kristallisierte sich schnell heraus, dass eher weniger Frauen von den klassischen Onlineangeboten angeturned sind. Während die einen vor allem die diskriminierende Rolle von Frauen kritisieren, fühlen sich andere zu wenig von Mainstream-Pornos angesprochen, weil sie primär auf die Stimulation von Männern ausgelegt sind.

Auch Pornhub bestätigt diese Daten: Weibliche Konsumentinnen schauen vorzugsweise Filme, in denen Oralverkehr bei Frauen im Vordergrund steht. Beliebte Inhalte sind zudem "Fingering", "Solo Male" und "Romantic" Videos. In Sachen Mainstream-Pornos werden diese Bereiche oft in lesbischen Filmen abgedeckt. Generell haben viele Frauen ausgesagt, dass sie lieber ihre Phantasie, erotische Hörgeschichten - z.B. Femtasy - nutzen, oder wenn dann feministische Pornos - z.B. Erika Lust - konsumieren, als sich Mainstream-Pornos beim Masturbieren anzuschauen.

Feministische Pornos machen besseren Sex

Feministische Pornos hören sich für viele (Männer) unattraktiv an, denn politische Korrektheit und Sex scheinen sich zu widersprechen. Das Besondere an Sex ist ja, dass der Verstand ausschaltet und wir uns von unseren Trieben leiten lassen können. Doch das bedeutet nicht, dass man zum einen seine sexuellen Vorlieben nicht auch hinterfragen kann und zum anderen, muss der Konsens zwischen allen Beteiligten immer das oberste Gebot sein.

Was viele nicht verstehen ist, dass Feminismus unser aller Sexleben besser machen könnte. Gleichberechtigter Sex bedeutet nicht, dass man seine Lüste unterdrücken muss, sondern im Gegenteil, er bietet die Möglichkeit gemeinsam herauszufinden worauf man wirklich steht - über Stereotype und festgelegte Abläufe hinaus. Warum muss immer der Mann die Frau an die Wand drücken? Wieso wird Analsex in erster Linie bei Frauen durchgeführt? Und warum lassen sich die wenigsten Männer nicht auch einmal auf den Arsch schlagen?

Studien zur sexuellen Orientierung und dem Orgasmusaufkommen zeigen zudem, dass nur rund 65% aller heterosexuellen Frauen angeben beim Sex zum Höhepunkt zu kommen. Bei lesbischen Frauen sind es ganze 85%. Das liegt daran, dass lesbischer Sex durch fehlende Stereotype einvernehmlicher abläuft, kommunikativer ist und sich an individuellen Vorlieben orientiert, anstatt soziologisch eingepflanzten Drehbüchern zu folgen.

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