Die Schattenseiten von Südkoreas Coronapolitik - eine Geschichte aus erster Hand (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Die Schattenseiten von Südkoreas Coronapolitik - eine Geschichte aus erster Hand

Es ist noch zu Beginn der weltweiten Krise, als Niall* nach Südkorea fliegt – das Land, das bald zur Vorzeigenation im Kampf gegen das Virus wird. Doch die Maßnahmen haben auch ihre Schattenseiten. Hier erzählt Niall von seinem neuen Leben als Lehrer an geschlossenen Schulen, von unerwarteten Minusgehältern und von der stillen Akzeptanz eines staatlichen Kontrollsystems.

Und du bist sicher, dass du fliegen willst?“,fragte sein Vater noch am Flughafen, die Hände auf Nialls Schultern gelegt, in einem seltenen Moment väterlicher Fürsorglichkeit. Es war Ende Februar, draußen fiel stumm der Regen auf den Runway, und Südkorea galt als Hochrisikoland. Niall griff nach seiner Reisetasche. „Klar“, sagte er. 

Und ein paar Stunden später saß er im Flieger, noch ein wenig benommen von den gratis Bloody Marys aus der First-Class Lounge, dem Abschiedsgeschenk seines Vaters - „Wenn ich dir Geld mitgebe, verschwendest du’s eh nur“. So fand er sich auf dem Weg in ein fremdes Land am anderen Ende der Welt, um zum ersten Mal in seinem Leben Englisch zu unterrichten.

Das fremde Land war schnell erreicht. Aber das Unterrichten musste warten. Die Schulen waren geschlossen, als Niall ankam, und in seiner arbeitgeberfinanzierten Wohnung stand eine Box klinisch weißer Masken für ihn bereit. „Nicht der Willkommensgruß, den ich mir erwartet hätte“, sagt er jetzt, sein Lachen groß auf meinem Bildschirm. „Die Wohnung war gut ausgestattet, sogar mit Fußbodenheizung und mit diesen Masken. Dafür hatte ich die erste Woche lang kein Bett.“

Dann war da noch das staatliche Alarmsystem. Niall hält sein Handy in die Kamera, ich erkenne koreanische Schriftzeichen, „Emergency Alert“ steht groß darüber. „Es warnt dich vor Naturkatastrophen, dem Virus und solchen Dingen. Mit diesem hohen Warnsignal. Leider ist es auf Koreanisch und am Anfang dachte ich, jemand hätte mein Handy gehackt.“ Er schaut aufs Display, schüttelt den Kopf. „Ich wusste auch nicht, wie man es ausschaltet. Meine ersten paar Nächte bestanden also darin, schlaflos am beheizten Boden zu liegen und meinem Handy zuzuhören, wie es Desaster um Desaster in einer fremden Sprache verkündete.

Leben in der Krise: Die neue Normalität – und ihre Grenzen

Trotzdem kehrt rasch der Alltag ein. Die internationale Teacher-Community ist gut vernetzt, und Niall wird Teil einer Gruppe von Amerikaner*innen, die die erzwungenen freien Tage mit Wandern und Trinken verbringt – „Ganz nach meinem Geschmack“, sagt er und grinst. Housepartys sind Standard, aber auch Bars und Restaurants haben geöffnet. Niall verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Es war schon ein bisschen sonderbar, zuerst hatten alle Angst um mich, als ich hierhergeflogen bin, und dann konnte ich wie gewohnt von Bar zu Bar ziehen, während zuhause nach und nach alles zusperrte.

Statt eines landesweiten Lockdowns setzt Südkorea schon früh auf flächendeckende Tests, Masken – und staatliche Kontrolle. „Diese Warnmeldungen sind irgendwie cool und beängstigend zugleich“, Niall zeigt mir nochmal sein Handydisplay. Er hat die Sprache auf Englisch umgestellt.„Sie informieren dich regelmäßig, ob eine Person in deiner Gegend mit dem Virus infiziert wurde und geben dir dann detaillierte Infos darüber, wo sich die Person aufgehalten hat – um 10:45 nahm X den 89er-Bus, um 11:00 besuchte er die Bibliothek, solche Dinge. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, woher diese Daten kommen. Oder ob auch ich automatisch getrackt werde. Aber hier scheint das niemanden zu stören.

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Es waren die plötzlich aufpoppenden Warnmeldungen, die Niall immer wieder daran erinnerten, wie prekär die Situation eigentlich war. Dass die ganze Welt sich in einer Krise befand. Doch mittlerweile liest er nicht mal mehr genau, was da auf seinem Display steht.

Es ist schon merkwürdig, wie Corona das alltägliche Leben so schnell dominiert hat, wie viele Veränderungen schon normal für uns wirken.“ Niall schaut nach hinten, wo ein paar Masken auf seinem Bett liegen. „Die hier sind ein offensichtliches Beispiel. Sie verändern so vieles, wie wir einkaufen, wie wir uns gegenseitig wahrnehmen, sogar wie wir sprechen. Und trotzdem haben wir sie einfach akzeptiert. Und denken gar nicht mehr an Corona, wenn wir sie tragen. Bis wieder jemand hustet oder erwähnt, dass er jemanden kennt, der infiziert wurde. Dann ist da eine unangenehme Stille und die Paranoia, die wir sonst zu unterdrücken versuchen, kommt wieder zum Vorschein.

Ein Problem kommt selten allein

Zur stillen Paranoia mischt sich noch für Niall noch eine andere Sorge: Geld. „Zuerst hieß es, wir würden 70 Prozent unseres Gehalts bekommen, aber im ersten Monat bekam ich gar nichts.“ Sein Lachen klingt bitter. „Ich war wütend auf die Schule, dann habe ich versucht, ihren Standpunkt zu verstehen. Klar, die Situation ist schlecht fürs Geschäft. Aber das ist auch nicht unsere Schuld. Weißt du, was ich laut meinem letzten Gehaltszettel verdient habe? Minus 7,000 Won. Es ist so absurd, dass es fast schon wieder lustig ist.

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Seit Ende April sind die Schulen wieder geöffnet und von einem stabilen Einkommen ist Niall immer noch weit entfernt. Zur Arbeit geht er trotzdem gern. Auch wenn er nicht immer alles planen kann: „Ich weiß noch, in meiner allerersten Stunde saß nur ein Mädchen, sie ist neu in der Schule und etwa acht Jahre alt. Sie war sehr schüchtern und ich versuchte, behutsam die Namen von Kleidungsstücken mit ihr durchzugehen. Irgendwann fragte ich sie, ob alles okay war und ob sie mich verstand, und sie nickte wild, aber zur gleichen Zeit strömten Tränen aus ihren Augen.

Niall starrt nach vorne, schüttelt leicht den Kopf. „Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Vorsichtig fragte ich sie, ob sie etwas zeichnen wollte. Wieder ein Nicken unter Tränen. Also sah ich diesem achtjährigen Mädchen dabei zu, wie es ein T-Shirt aufs Whiteboard zeichnete, während ihr die Tränen stumm aus den Augen liefen. Ich glaube, von allem, was ich je gesehen habe, kam das Heldenmut am nächsten.

Und jetzt?

Ob er irgendwann überlegt hat, das Ganze einfach abzubrechen? Sich beim Außenamt zu registrieren und einen Flug nach Hause zu organisieren? Niall lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der Brust: „Ganz ehrlich? Daran hab ich keine Sekunde lang gedacht.“ Er zuckt mit den Schultern. „Klar hab ich Angst, dass die Schulen wieder schließen. Vor allem jetzt nach diesem Ausbruch in Seoul. Aber zuhause hätte ich wahrscheinlich gar keinen Job. Und das Virus kann dich überall holen.

*Name geändert, Zitate frei aus dem Englischen übersetzt.

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