Hupen ist das neue Klatschen - Autokinos als Anker der angeschlagenen Kulturszene? (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Hupen ist das neue Klatschen - Autokinos als Anker der angeschlagenen Kulturszene?

Autokinos erleben in Deutschland und den USA ein Revival. Auch in Österreich wurde vor Kurzem deren Eröffnung zugelassen. Wie genau könnte das aussehen und sind Autokinos die temporäre Rettung der Kulturszene?

Was wie ein Relikt aus den 60ern wirkt, ist dieses Jahr zur Rettung der Unterhaltungsbranche geworden - Autokinos. In Deutschland hielt deren Blütezeit bis in die 80er an, in Österreich gab es nie wirklich eine. Bis jetzt. Bedingt durch die Distanzierungs-Maßnahmen wegen COVID-19 werden Kinos, Konzerthallen und Co. noch bis 1. Juli geschlossen sein. Autokinos sind eine Corona-freie Alternative für das Abhalten von Veranstaltungen.

Umwidmung von Autokinos

In den USA, Südkorea und Deutschland sind Autokinos bereits erfolgreich in Betrieb. Nicht nur für Filmabende im Freien, sondern auch für Live-Gigs. Das Autokino Düsseldorf hat bereits seit Ende März offen und auch schon mehrere Konzerte veranstaltet. Unter den Pionier-Performern sind zum Beispiel die Rapper Alligatoah, SSIO und Sido. Letzterer spielte in Düsseldorf zwei ausverkaufte Liveauftritte hintereinander und kündigte darauf hin gleich drei weitere Konzerte im Autokino Hannover an. Während Sido und andere deutsche Musiker also einen Weg gefunden haben, trotz Pandemie auf Tour zu gehen, gestaltet sich das in Österreich mal wieder schwieriger.

Regelungen in Österreich

In Österreich gab es bislang nur ein Autokino, nämlich das Autokino Wien in Groß-Enzersdorf. Es wurde 1967 eröffnet, schlitterte 2015 aber leider in die Insolvenz. Die Corona Krise hat es wiederbelebt. Doch während Ende April in Deutschland und den USA Autokinos schon in vollem Betrieb waren, wurden in Österreich gerade erst Lockerungen für Branchen wie die Gastronomie beschlossen. Die Wiedereröffnung des Autokino Wien wurde vorerst nicht genehmigt. Erst am 15. Mai fand die erste Film Vorstellung statt. Im Gegensatz zu Deutschland sind keine Konzerte oder ähnliche Live-Veranstaltungen erlaubt. Ab wann das möglich sein wird ist noch unklar.

Dabei gibt es doch gerade genug Unruhen im österreichischen Kultursektor. Verschiedene KünstlerInnen und Kulturschaffende haben sich per Petition zusammengeschlossen und fordern einen staatlichen Rettungsschirm. In der ersten Reihe der Aktion steht der Kabarettist Lukas Resetaris, der in der ZIB2 für Aufregung sorgte, als er dort die österreichische Kultur-Politik und das Krisenmanagement von Kultur-Staatssekräterin Ulrike Lunacek kritisierte. Letztere ist letzten Freitag zurückgetreten.

Die Zulassung von Live-Auftritten in Autokinos wäre eine mögliche Entlastung für Österreichs eh schon leidende Kulturbranche. Diese wird bis jetzt halt nicht in Anspruch genommen. Das Potenzial der Autokinos bleibt trotzdem nicht unbeachtet: In Linz ist ein neues Autokino geplant, in Gunskirchen wurde am 17. Mai eines eröffnet und eine weitere Eröffnung ist am 29. Mai in Innsbruck geplant. Zudem gibt es schon sehr konkrete Pläne für den Flughafen Salzburg und das dortige Autokino

Zahlt sich das aus?

Auto-Konzerte könnten also anscheinend die Lösung derzeitiger Probleme der Unterhaltungsbranche sein. Aber ist eine Karte das Geld wirklich wert? Die Tickets werden online gekauft und durch die geschlossene Auto-Fensterscheibe gescannt. Danach wird ein Parkplatz zugewiesen und man wartet bis der Musiker mit angemessener Verspätung auf die Bühne springt. 

Bis jetzt eigentlich fast wie ein richtiges Konzert. Nur ohne, dass ein zwei Meter großer Typ genau vor dir steht und ein anderer im Vorbeigehen sein halbes Bier über dein Shirt gießt. Aber halt leider auch ohne, dass 500 fremde Leute den gleichen Text grölen und miteinander im Takt auf und abspringen. Statt zu klatschen und pfeifen wird gehupt und geblinkt. Moshpits gibt es auch nicht mehr, denn niemand ist bereit im Geiste der Musik sein Auto zu opfern. Stattdessen steht Sido auf einer Bühne und performt für ein Meer aus Scheinwerfern. Dahinter verbergen sich Leute die seine Lines aus ihrem Autoradio hören und dazu mit dem Kopf nicken.

Während in anderen Ländern nicht nur Konzerte, sondern auch Gottesdienste und Disco-Nights veranstaltet werden, hält sich Österreich noch immer an die Ursprünge der Autokinos. Derweil ist zumindest die generelle Öffnung ein Schritt in die richtige Richtung. Viele Leute sehnen sich nach Unterhaltung und danach Kultur wieder Teil ihres Alltags werden zu lassen, wenn auch nicht so wie zu Prä-Pandemie-Zeiten gewohnt. Autokinos werden dabei einem echten Live-Konzert nicht ganz gerecht werden, aber sind ein gutes Mittel zum Zweck. Sie sind zwar wahrscheinlich nicht die Zukunft der Unterhaltungsbranche, aber definitiv ihre Gegenwart.

Ein echter Anker für die Kulturszene?

Dafür gibt es einerseits wohl zu wenige Autokinos und anderrseits finden dennoch viele Bereiche der Kunst- und Kulturszene dort keinen Platz. Das bezieht sich nicht auf die räumliche Entfaltung, sondern viel mehr auf die Möglichkeit der Präsentation. Ein Technofest würde wohl seinen Sinn in einem Autokino vollends verfehlen. Kabarett, Konzerte, Filmvorstellungen - in diesem Rahmen bewegt es sich, doch hilft es nicht der gesamten Branche. 

Besser als nichts, werden viele sagen, aber mit Sicherheit auch keine dauerhafte Lösung. Auf viele Bereiche des Kultursektors hat die Öffnung der Autokinos überhaupt keinen Einfluss, weshalb hier weiterhin nach einer Rettung gesucht werden muss.

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