Ist die Coronakrise eine psychologische Katastrophe? (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Ist die Coronakrise eine psychologische Katastrophe?

Jenseits diverser Prognosen über Massen von Erkrankten, Toten wegen potenziell nicht vorhandener Spitalsbetten und überfüllter Gesundheitseinrichtungen spielen sich ganz andere Szenarien ab. Szenarien, von nicht weniger horrendem Ausmaß, jedoch mit geringerer medialer Präsenz. Denn auch wenn das hochansteckende Coronavirus inmitten der Gesellschaft stark gefürchtet wird, so sind unsere Atemwege bei Weitem nicht die Einzigen Teile unseres Körpers, die unter Bedrohung sind zu erkranken.

Trotz vieler verbreiteter Ratgeber á la „So überstehen Sie häusliche Isolation und Quarantäne am besten in Frieden“ waren für viele Menschen die letzten zwei Monate alles andere als ein Zuckerschlecken und die Zeit war vieles, nur nicht friedlich überstanden. Vermutlich hat auch die emotional stabilste, sonst rundum mit sich und der inneren Mitte zufriedenste Person den einen oder anderen negativen Gedanken gehegt, Existenzängste verspürt oder lauter werdende Stimmen der Einsamkeit aus den Tiefen des Hinterkopfes gehört - und diese daraufhin mit dem einen oder anderen Gläschen runterzuspülen vermocht.

Doch wie geht es all jenen mit bereits zuvor da gewesenen Depressionen und Verlustängsten, all jenen mit Suchterkrankungen und den einsamen Charakteren, welche kein bombenstabiles soziales Netzwerk für etwaige Zoom Calls und Co haben und welche Nachwirkungen hat diese Zeit für unsere Psyche?

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(Ist aus meinen Fotos)

Stellt man das menschliche Verhalten und den Umgang mit Problemen jeglicher Art in unserer schnelllebigen Gesellschaft in den Vordergrund, so dürfte es nichts Neues sein, dass wir alle versuchen zu kompensieren.

Sei es ein Klassiker wie die Missglückte letzte Beziehung und draus resultierende Bindungsängste, innere oder äußere Komplexe oder Misserfolge eines noch so kleinen Ausmaßes - die menschliche Psyche ist auf eine reflexartige Verschließung vor potenziell auftretenden Bodenwellen ausgelegt, ausgelöst durch minderwertig erscheinende Ereignisse auf der ersehnten glatten Straße, auch Leben genannt.

My therapist is my best friend

Den Therapeuten aufgrund verschiedenster Belange aufzusuchen, wird mittlerweile nicht mehr so kritisch beäugt, wie vielleicht noch vor einigen Jahren - dem Jahr 2020 und all jenen, die nun auch darin angekommen sind, sei Dank. Für Viele ist der wöchentliche Besuch beim Psychologen etwas, woran man sich festhält und manchmal gar orientiert. Mit im Frühling akuter werdenden Depressionen, von anderen psychischen Krankheiten gar nicht zu sprechen, suchen vermehrt Menschen nach Betreuung und Rat bei einer Ansprechperson, welche durch die gegebene Situation bis zu einem gewissen Grad wegfiel. 

Auch wenn der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie mit einem offiziellen Statement drauf hinwies, dass „grundsätzlich nicht alle Praxen zur Schließung per Verordnung verpflichtet sind“, so solle man, zum Schutz der Bevölkerung, auf Telearbeit per Telefon oder Videotelefonie umsteigen. Für all jene Patienten, für die der regelmäßige Besuch, eine physische Präsenz des Therapeuten im selben Raum und ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ausschlaggebend ist, bricht somit ein essenzieller Bestandteil und Anker des Lebens weg, denn Sitzungen über Videocalls und Co sind bei Weitem nicht dasselbe.

Bereits Alfred Adler bezeichnete die „Kompensation“ in der Psychologie als jenen Vorgang, der drauf abzielt, bewusste oder unbewusste Minderwertigkeiten auszugleichen.

Bricht uns der gesamte Freundes- und Verwandtenkreis weg, das Arbeitsumfeld reduziert sich auf ein komplettes Minimum und werden jegliche täglichen Versuche, aus einer sich einschleichenden Routine auszubrechen unterbunden, so bleibt viel ungenutzter Raum. In einer utopischen Welt würde sich dieser Raum bei jedem Individuum mit positiven, gutmütigen und für die Menschheit bewegenden Gedanken füllen, in solch einer Welt würden jedoch auch flauschige Welpen über jede Straße tapsen und es gäbe gratis Eiscreme für alle. In der Realität füllt sich solch Raum jedoch mit negativen Gedankenspielen und Existenzängsten, und zuvor lediglich leicht vorhandene Tendenzen zu selbstzerstörerischem Verhalten werden ganz schnell zu einem fixen Muster.

„If you think adventure is dangerous, try routine; it is lethal”

Andererseits gibt es jene Abtrünnigen, die einerseits gefangen genug in sich und ihrer introvertierten Art sind, um im Regelfall jeglichem Menschenkontakt aus dem Weg zu gehen, zumindest gedanklich, andererseits auch frei genug, um sich von keiner bestimmten sich wiederholenden Routine fangen zu lassen und vollkommen auf menschliche Kontakte zu verzichten. 

Der Ausdruck „sich wiederholenden Routine“ ist hierbei von entscheidender Bedeutung, denn auch wenn Routine etwas sich zu widerholendes zu sein vermag, das sich, periodisch, wie ein Sinuskurven-ähnliches Gebilde entlang einer vorgegebenen Achse schlängelt, so möchte ich mir diese Routine selbst aussuchen können und nicht durch äußere Umstände vorgegeben bekommen.

Für solche Charaktere, inklusive mir, ist es alles andere als einfach, nicht dem natürlichen Freiheitstrieb nachgehen zu können. Sei es eine gewisse rebellische Realitätsverweigerung, die Gewohnheit, sich stets frei fortbewegen zu können, oder auch rein törichtes Verhalten - solche Einschränkungen hinterlassen gewisse, innerlich deutlich spürbare Spuren und bieten große Angriffsflächen für emotionalen Ballast und nicht sonderlich stabiles psychisches Dasein.

Und am Ende des Tages ist jeder allein

Dieser Gedanke gilt nicht nur für die Menschen, deren Suchtverhalten sich in Form von übermäßigem Konsum von gegorenem Traubensaft und Co, provoziert durch soziale Isolation und viel zu viel Zeit zum Nachdenken, äußert, sondern auch für all jene, die mit diversen Formen von Sucht bereits vor dem Coronavirus zu kämpfen hatten.

Seien es Drogen- oder Spielsucht oder jegliche andere Art von Sucht, ein kalter Entzug in solch ungewissen Zeiten ist alles andere schonend und förderlich für die Psyche, und kann in gewissen Fällen von Drogenabhängigkeit auch tödlich enden.

Zwar bietet die Suchthilfe Wien auf deren Homepage eine Reihe von Hotlines oder Services an, beispielsweise wie die Besorgung und Lieferung von Medikamenten oder Safe-Use- Material zu den betroffenen Personen nach Hause, so ist trotzdem eine geraume Anzahl von Menschen in einer Situation, überhaupt kein „nach Hause“ zu haben und leidet stark unter der vermehrten Schließung von Schlafstellen und Betreuungszentren.

Die Kunst des Kompensierens und ihre Folgen

Auch wenn sich all die genannten Situationen stark in der Ausgangslage und Beschaffenheit unterscheiden, so haben all die Menschen doch eine Gemeinsamkeit: sie kompensieren.

Wir alle kompensieren Gefühle, die durch gewisse Umstände ausgelöst werden und Kerben in unser Innerstes schlagen. Im realen Leben kompensieren wir sie oftmals durch vermehrte Verdrängung in Form von Weglaufen, durch übermäßigen Konsum jeglicher Art, durch das krankhafte pushen bestimmter Bereiche oder Gefühle, die den ursprünglichen Knick im System überdecken sollen. 

Ging man in den letzten zwei Monaten unter strahlend blauem Himmel durch die Innenstadt, so hätte man meinen können, es sei ein stinknormaler Frühlingstag ohne jegliche Sorgen - bis auf die, die man sonst schon so mit sich rumträgt. Die Realität hat einen jedoch immer schnellstens eingeholt, spätestens ab dem Zeitpunkt an dem das sonntägliche Schnitzel verspeisen, das Veganista Eis genüsslich schnabulieren, oder „der gemütliche Abend mit paar Bier“ mit einer Chaosnacht in der Pratersauna, mit ewiger Afterhour im Anschluss, ausblieb

Welche Auswirkungen genau die von uns Allen erlebte Zeit auf uns und unsere Psyche, unsere Verlustängste, Süchte, verkorksten Einstellungen und Co haben wird, kann man jetzt noch nicht genau vorhersagen. Auf statistische Zahlen über vermutlich erhöhte Selbstmordraten, zunehmenden Alkoholkonsum oder gesteigerte Fälle von Depressionen kann man sich derzeit nicht stützen, denn diese existieren (noch) nicht. 

Die Conclusio und was uns allen am Ende des Tages bleibt? 

Unser menschliches Durchhaltevermögen, zurückstecken zu können, wenn es sein muss und auch darauf ankommt, unsere Anpassungsfähigkeit in jeglicher Ausnahmesituation und das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. In diesem Sinne- stay safe & stay sane!

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