Abwarten und Tee trinken - wie die Briten das Coronavirus unterschätzten (c) Titelbild Credits: Unsplash

Abwarten und Tee trinken - wie die Briten das Coronavirus unterschätzten

Von einem Tag auf den anderen kann Ella nicht mehr zur Arbeit gehen. Hier erzählt sie von Politik ohne Vorwarnung, beschämender Freude und wie Corona auch private Krisen noch ein bisschen schwerer macht.

Als alles anfing, so richtig, war Ella* gar nicht im Land. Sie hatte sich den Freitag freigenommen und war mit einer Freundin nach Amsterdam geflogen, klar könne sie das machen, hieß es, kein Grund zu Sorge. Kurz hatte sie trotzdem überlegt, zuhause zu bleiben. Ihr Cousin hatte sie nächste Woche besuchen wollen, doch er hatte abgesagt, sein Flug von Wien war gecancelt worden. Aber Ella hatte sich schon viel zu lange auf diesen Trip gefreut. Endlich ein Wochenende weg von Manchester, raus aus der Tristesse, raus aus dem Labor. Ein Wochenende ohne Stammzellen und ohne die endlose Busfahrt zur Uni. Zu viele Gründe dafür. Nur ein Grund dagegen.

Und plötzlich sperrte alles zu. Sonntagabend in Amsterdam und no coffeeshop available. Am nächsten Morgen ging Ellas Flug. Hoffentlich wird er nicht gecancelt, dachte sie, noch leicht schwebend von der nachmittäglichen Konsumtour, ein lauwarmes Bier in der Hand. Ihre Freundin war schon am Rückweg nach London. Dann saß auch sie im Flieger, alles schien so surreal, sie nippte müde an ihrem Tomatensaft. Es war der 16. März. Zurück in Manchester erfuhr sie, dass nun auch ihr Labor geschlossen war.

Sind wir denn schon in der Krise?

Ganz ehrlich? Zuerst hab ich mich einfach nur gefreut.“ Ella beißt sich auf die Unterlippe, friert kurz ein in der Position. Ihre Stimme höre ich weiter: „Endlich einmal Pause vom täglichen Stammzellenfüttern. Sie sind jetzt wahrscheinlich alle abgestorben, aber das war mir egal.“ Das Zoom-Video läuft wieder, sie schaut auf einen Punkt über ihrem Laptop, denkt nach. „Ich glaube, so haben viele gedacht. Am Anfang. Die Gefahr hat da noch niemand gesehen. Zumindest niemand, den ich kenne.

Von Gefahr spricht damals auch die britische Regierung noch nicht. Herdenimmunität lautet die Devise und sozial distanzieren sollen sich nur Schwangere, Vorerkrankte und Menschen über 70. An den Biertheken reiht sich Körper an Körper. Erst am 20. März werden die Pubs geschlossen, nicht ohne einen bitteren Kommentar von Premierminister Boris Johnson: „We’re taking away the ancient, inalienable right of free-born people of the United Kingdom to go to the pub.” ("Wir nehmen freigeborenen Menschen des Vereinigten Königreichs das alte, unveräußerliche Recht weg, in die Kneipe zu gehen") Ella lacht ein spöttisches Lachen. “So richtig überzeugt von den Maßnahmen klang er nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass auch viele Briten den Lockdown nicht „so richtig“ ernstnehmen, als er dann drei Tage später kommt. „Ein paarmal bin ich am Park vorbeigegangen, da waren so viele Leute, ich dachte mir, sind die alle verrückt?“ Ella schüttelt leicht den Kopf. „Ich glaube, niemand wusste so genau, was das alles jetzt bedeutet. Es gab so viele verschiedene Informationen, und alles hat sich so schnell geändert. Zuerst hieß es, wir sollten einfach weitermachen wie bisher, und dann sollten wir uns plötzlich zuhause einsperren. Da kann man es niemandem vorwerfen, wenn er nicht versteht, warum auf einmal alles anders ist.

Als plötzlich alles aus den Fugen gerät

Dann der Plot-Twist: Bei Boris Johnson wird COVID-19 diagnostiziert. Eine Nachricht, die um die Welt geht. Da sind viel Hohn und Spott, verhaltene Genesungswünsche, Gebetsversprechen von Donald Trump. Und wie reagiert Großbritannien? Ist es ein Wendepunkt im kollektiven Bewusstsein? Wirkt die Gefahr plötzlich real? Ella schaut zur Seite, schaut mich nicht an. „Das kann ich gar nicht sagen.“ Ihr Blick scheint ins Leere zu gehen.„Du weißt schon. Da war die Sache mit meinem Opa.

Darüber sprechen wir nicht. Darüber schreibt sie mir. Wie die Krebserkrankung ihres Opas plötzlich wieder schlimmer wurde. Wie er auf die Intensivstation verlegt wurde. Wie er COVID-19 verdächtig wurde und wie schlimm das Warten aufs Testergebnis war, die Angst, dass ihre Oma ihn nicht mehr sehen dürfe. Dass ihr Opa allein sterben müsse. Dann das negative Ergebnis. Die Erleichterung. Wie froh sie war, ihn kurz vor dem Lockdown noch besucht zu haben. Wie traurig sie sich trotzdem fühlte. Wie einsam. Wie sie das Begräbnis dann per Livestream miterlebte und insgeheim froh war, nicht dort zu sein.

Normal ist das nicht

Jetzt ist es okay. Sagt Ella. Die Tage verschwimmen ineinander, sie liest viel, gerade einen Roman von Haruki Murakami. „Den hab ich in Amsterdam gekauft“, sie lächelt kurz. „Das alles kommt mir so weit weg vor. Und trotzdem fühlt sich der Lockdown gerade erst wie eine Woche an.

Am meisten verändert hat sich für Ella wohl die Arbeit: Statt Tag für Tag im Labor zu stehen, liest sie nun Paper um Paper, schreibt an einem Abstract für einen Review-Artikel. Ob er publiziert werden wird? Ella zuckt mit den Schultern: „Wir werden mal bei ein paar Journals anfragen. Aber im Moment scheint jeder nur Reviews zu schreiben.“ Sie lacht ihr spöttisches Lachen: „Was sollen wir auch sonst tun?

Wie es weitergehen wird? Ella weiß es nicht. Niemand scheint es zu wissen. Mindestens bis Juni soll der Lockdown noch andauern. Bis kurz vor Ellas Geburtstag. „Am liebsten würde ich in einem Biergarten feiern. Aber das ist Wunschdenken.“ Ella überlegt kurz. „Eine Freundin hat einen kleinen Garten, vielleicht können wir uns da treffen. Und einfach so tun, als wären wir im Biergarten. Und als wäre alles normal.

*Name geändert, Zitate frei aus dem Englischen übersetzt.

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