Utopie der Isolation - verschwindet mit eurem Pessimismus! (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Utopie der Isolation - verschwindet mit eurem Pessimismus!

Die Stimmen der Unzufriedenheit und Frustration werden von Woche zu Woche lauter. Liegt es daran, dass ich meine Fenster bei den frühlingshaften Temperaturen weiter aufmache oder ist schlichtweg zu viel Zeit vergangen, seit unser Leben den heiß geliebten, routinierten Alltagstrott verloren hat. Wo ist denn nun das Hamsterrad, wenn man es braucht? Mit so viel Freiheit und Stille kann doch keiner umgehen, oder etwa doch?

Die Zeit sollte lieber mit den ewig gleichen Abläufen gefüllt werden, die uns scheinbar so viel Sicherheit verleihen. Doch leise hört man im Hintergrund auch die Stimmen der ach so furchtbar nervenden Optimisten, die diese Zeit bewusst nutzen und sie sogar genießen - wie frech. Hello, it’s me!
Und meiner bescheidenen Meinung nach hat die derzeitige Krise auf lange Sicht hin das Potenzial einen Umschwung der besonderen Art geschehen zu lassen.

10:45

Langsam kämpft sich mein Bewusstsein aus den diffusen Tiefen meiner Traumwelt empor. Schlaftrunken mache ich die Augen auf und erspähe durch den nicht ganz blickdichten Vorhang ein paar helle Sonnenstrahlen, die darauf schließen lassen, dass ich mal wieder ein bisschen länger geschlafen habe. Während ich mich ausgiebig strecke und versuche meine müden Muskeln aufzuwecken, durchfährt mich ein Impuls des Entsetzens. „Hab ich etwas vergessen? Muss ich nicht zur Arbeit?“ Doch die äußerst zufriedenstellende Antwort ist: Nein.

Während mein Herz noch vor lauter Adrenalin wie wild pocht, sinkt mein Körper schon wieder genussvoll zurück in die warmen Kissen. Das erste (Online-)Meeting beginnt erst in ein paar Stunden. Ich habe keinen Zeitdruck und keinen Stress. Warum also nicht noch fünf köstliche Minuten dösen? Ich habe seit Ewigkeiten das Gefühl, nichts zu verpassen.

12:00

Tatsächlich hab ich es aus dem Bett und in die Küche geschafft. Aus den berühmten fünf Minuten sind dann doch fünfundfünfzig geworden. Es gibt immerhin keinen Grund zur Eile. Normalerweise hätte ich das Empfinden, dass ich unproduktiv bin und den Tag vertrödle, aber all das hat sich mittlerweile im wohlig warmen Nebel der Isolation aufgelöst. 

Ein weiter Nebeneffekt, den ich wahrnehme, während ich den warmen Duft meines Kaffees einatme, ist, dass koffeinhaltige Heißgetränke ohne den bitteren Beigeschmack von morgendlichem Stress gleich doppelt so gut schmecken. Wie Casper schon sarkastisch sagte: „Fleißig und produktiv, ewig lebt der deutsche Traum.“ - diesen Traum lasse ich inzwischen mit fast schon diabolischer Freude wie eine Luftblase zerplatzen.

12:15

Apropos doppelt so gut – was spricht eigentlich gegen eine zweite Tasse Kaffee? Ich durchforste mein immer noch etwas verschlafenes Gehirn und finde kein Gegenargument. Also beobachte ich erneut, wie der Kaffee in mühseliger Gelassenheit in meine Tasse tropft. Die schiere Frechheit dieses doch so einfachen aber langsamen Ablaufs hätte mich üblicherweise wahnsinnig gemacht.

Wie kann sich diese dreiste Maschine so viel Zeit lassen, wenn ich es doch so eilig habe und meine Anwesenheit im nächsten Meeting von solch weltverändernder Wichtigkeit ist? Aber nicht heute. Heute beobachte ich die Tropfen mit einem verklärten Blick und dümmlichen Lächeln. Die Welt muss sich offensichtlich gar nicht so schnell drehen, wie ich stets dachte. Hoch lebe die Quarantäne!

14:00

Aus einiger Entfernung drängt sich die Erinnerung an mit zusammengebissenen Zähnen absolvierten Sporteinheiten in mein Bewusstsein. Zwischen dem mehr psychisch als physisch anstrengenden, beruflichen Meetingmarathon, sozialen Verpflichtungen und anderen selbstoptimierenden Maßnahmen musste schließlich auch noch das obligatorische Powerworkout seinen Platz finden. 

Spaß und ehrliche Freude an der Bewegung? Fehl am Platz. Dafür war keine Zeit. Mittlerweile ist die Lust auf körperliche Ertüchtigung allerdings mit Volldampf zurück. Wie viel Spaß es doch macht, wenn man seine Muskeln zwecks der Freude an Bewegung trainiert. Also drehe ich meine Lieblingsmusik in unerhörter Lautstärke auf und genieße den Ausgleich, den mir der Sport bringt und denke bei jedem Push-up: „Scheiß auf Selbstoptimierung.“

15:30

Während durch meine Adern noch ein sportlich bedingter Cocktail aus Dopamin, Endorphinen und Serotonin schießt, wird es Zeit für ein bisschen Arbeit. Und siehe da, meine Kollegen und ich sind nicht mal ansatzweise so gereizt wie sonst. Die heutige Agenda wird eifrig abgearbeitet, weil jeder ausreichend Zeit hatte, sich um seine Themen zu kümmern, und so kann ich das Meeting in Rekordzeit wieder verlassen.

Die Arbeit hat an Wichtigkeit verloren. Diesen durchaus angenehmen Nebeneffekt dürfte eine Pandemie wohl mit sich bringen - sie relativiert und wir merken, dass die meisten beruflichen Tätigkeiten weitaus weniger lebensnotwendig sind, als uns von Chefitäten und Co. vorgemacht wird. Also erledigen wir unsere Aufgaben aus einer gewissen Leichtigkeit heraus, weil wir insgeheim wissen, dass sie längst nicht so bedeutend sind, wie beispielsweise die oftmals lachhaft bezahlten Jobs im Einzelhandel oder Gesundheitswesen. Hach, wenn es doch nur immer so ablaufen könnte.

17:00

Zeit für Frühstück! Oder Mittagessen? Abendessen? Früssen (=Frühstück, das zum Abendessen eingenommen wird)? Es macht eigentlich keinen Unterschied. Also koche ich das, worauf ich aktuell Lust habe. Die Supermarktregale sind nach den anfänglichen Hamsterkäufen der Hysteriker glücklicherweise wieder prall gefüllt und damit auch meine Küchenschränke. Auch ein vorsichtiger Blick ins WC verrät, dass der so vielfach gefürchtete Klopapierengpass falscher Alarm war. Alles halb so wild! 

Überraschenderweise erlerne ich in letzter Zeit mit Begeisterung das Zubereiten neuer Gerichte. Was früher nur Mittel zum Zweck  - Kreislaufaufrechterhaltung - war, ist heute Genuss. Die quälende Langsamkeit des Gemüseschneidens habe ich immer als zermürbend empfunden. Doch ohne den Leistungsdruck, der wie ein Damoklesschwert über mir schwebte, machen diese alltäglichen Dinge tatsächlich Freude.

20:00

Nachdem ich meinen Augen ungefähr siebenhundertdreiunddreißig Tiger King-Memes präsentiert habe und über jedes einzelne mit kindlicher Begeisterung gelacht habe, frage ich mich, ob es zu früh für Alkohol ist? Doch mittlerweile gibt es nur noch Kaffee- oder Alkoholzeiten und die verschwimmen - wie wir am Beispiel von Irish Coffee oder Barraquito sehen - doch ziemlich erfolgreich miteinander. Also ploppe ich den Deckel meine ersten Biers und proste meinem süffisant grinsenden Spiegelbild, das ich im Toaster erkennen kann, zu.

22:00

Facetime-time(?)! Obwohl ich die Isolation genieße, fehlen mir meine sozialen Kontakte. Wie gut, dass heutzutage niemand mehr einsam sein muss, der es nicht selbst will. Grenzenlose Vernetzung und ständige Erreichbarkeit, die mich sonst frustrieren, werden nun zu geschätzten Geschenken unserer Zeit. Also klingel ich bei meinen Freunden durch und erreiche sie, wie zu erwarten, nachdem wir alle wenig bis nichts zu tun haben, innerhalb Sekunden. 

Während ich in die ebenso erfreuten Gesichter meiner Freunde blicke, kann ich nicht anders, als dankbar zu sein, dass wir den Wert dieser Kontakte wieder von Neuem lernen müssen oder dürfen. Keine störenden Handys, die ständig vibrieren. Keine arbeitsrelevanten Themen, die in konstanter Beharrlichkeit zumindest einen Teil unserer Aufmerksamkeit beanspruchen. Keine Eile, wenn es um Erzählungen geht. Wir hören wieder bewusst zu und schätzen die - virtuelle - Anwesenheit des anderen. Ist das nicht von immenser Bedeutung?

1:00

Nach einer feuchtfröhlichen Facetime-Party, sind die ersten meiner Freunde ins Bett verschwunden. Angenehm betüdelt frage ich mich, was ich nun noch tun soll. Die aufgrund der sozialen Abgeschiedenheit begrenzten Möglichkeiten eröffnen für mich paradoxerweise beinah grenzenlose. Ich könnte schreiben, lesen, zeichnen, meditieren, nackt durch die Wohnung tanzen oder auch einfach nur reflektieren - und das alles jetzt und hier, stressfrei!

Rausgerissen aus meinem "Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Leben" entdecke ich meine Kreativität wieder. Es mag sich lachhaft anhören, aber genau das sind die Dinge, für die ich mir sonst keine Zeit nehmen kann oder will. Und diese unfreiwillige Einsamkeit zwingt mich dazu, mich selbst wieder kennenzulernen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

4:00

Also habe ich - eine bekennende Nachteule - die letzten Stunden genau damit verbracht und das Gefühl, mit sich selbst in Verbindung zu treten und den Draht zu seinem Inneren nicht nur zu verfestigen, sondern vielleicht völlig neu zu spannen, ist aufregend und befreiend. Die Entschleunigung und Stille, die die Krise mit sich gebracht hat, ist für viele zermürbend und beängstigend. Das war sie für mich auch. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase hat sie sich allerdings zu einer Zeit der Selbstfindung inklusiver alter und neuer Werte entwickelt.

Ich kann es nicht erwarten, diese neuen Erkenntnisse auch in meinen sonst so stresserfüllten, hektischen Alltag einfließen zu lassen. Diese Entwicklungen bemerke ich aber nicht nur bei mir, sondern überall. Die Umwelt atmet ein kleines bisschen durch - wenn auch nur temporär -, die Gesellschaft wird gezwungen sich zu überdenken und die Wirtschaft verliert, zumindest vorübergehend, einen Teil ihres Status. Vielleicht verändert uns diese Zeit ja doch zum Positiven.

Darf eine Pandemie also auch positive Auswirkungen haben?

Ich glaube, sie darf. Ich glaube sogar, dass sie das sollte. Die Corona-Krise und die damit verbundene soziale Isolation hat die Chance, einen Systemwechsel mit sich zu bringen, der auch unser inneres System nicht ausschließen sollte. 

Ob es sich nun um die großen Dinge, wie die zu Recht in Frage gestellte, wirtschaftliche Globalisierung handelt oder um die vermeintlichen Kleinigkeiten wie unseren persönlichen Umgang mit dem Alltag und dem individuellen Zeitmanagement, sowie den Umgang mit unseren Mitmenschen. Wenn sich der Schleier der scheinbar unentwegten Beschäftigung, die unser alltägliches Leben ummantelt, gelüftet hat, können wir ein bisschen deutlicher sehen, was wirklich von Bedeutung ist.

Vielleicht können wir die Zeit der Isolation zu einer Form von Selbstoptimierung nutzen, die nicht durch gesellschaftliche Zwänge motiviert ist, sondern durch Werte, die wir uns bewusst aussuchen.
Vielleicht braucht es gerade jetzt Utopien.
Vielleicht ist gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, um wieder mit dem Träumen anzufangen. 

Solltest du dennoch eher der Pessimist sein, findest du dich in der anderen Sicht der Dinge mit Sicherheit wieder!

1586339075 giphy

Titelbild Credits: Shutterstock

WARDA NETWORK GmbH