Dystopie der Isolation - verschwindet mit eurem Optimismus! (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Dystopie der Isolation - verschwindet mit eurem Optimismus!

Wann die Prints der „Anti-Social Social Club” Hoodies - die ironischerweise oft von Menschen mit intensiv ausgeprägtem Sozialleben getragen werden - zur knallharten Realität mutiert sind, ist mir selbst nach Anbruch der vierten Quarantänewoche ein Rätsel. Gesprochen wird viel, die Stimmen des Optimismus schreien lauthals „Entspann Dich! Wir haben es bald geschafft! Stay home und back ein Bananenbrot!“- Ich sag: "Träumt weiter!"

Ruhelos entspannt wird höchstens nach diversen alkoholischen Getränken - Betonung auf Plural. Auch der staubtrockene Bananenkuchen Nummer 5 wird konsequent im Müll landen. Wann zur Hölle sind wir denn alle Patissiers geworden? Fazit nach 4 Wochen: Das Einzige, was geschafft ist, bin ich samt meinem Grant, einem gesteigerten Alkoholkonsum und einer sich steigernden nervlichen Angespanntheit über den Alltagstrott. 

08:30

3 Sekunden nach dem Läuten des Weckers wachen ich und meine treuen Begleiter - die völlig erschöpften Nerven - auf. Der Kopf brummt, das Bewusstsein ist trüb. „Was der Tag heute wohl so bringt?“ schießt mir durch den Kopf, ehe ich mich dazu entschließe, den Dingen ihren Lauf zu lassen, ergo: die Augen fallen erneut zu. Nach einigen Augenblicken schnelle ich wie von der Tarantel gestochen in die Höhe und taumle wie nach einer zweitägigen Afterhour ins Bad. Trotz Home-Office und Online Vorlesungen verschlafen? Ich blicke in den Spiegel: Die Augen eines Gewinners!

10:00

Stand der Dinge: Augenringe. 

Jegliche minimale Intention, es heute emotional entspannter angehen zu lassen, ist genauso schnell in der Versenkung verschwunden, wie sie von dort auch kam. Ein Cocktail aus genervt sein von dem „Hallooooo? Kannst Du mich hören? Wo ist denn bloß der „Screen Teilen“ Button?“ Gebrüll, dem Mangel an Kaffee und der Wut über die Tatsache, dass man sich erneut von ein und denselben Tatsachen nerven lässt, schafft nicht zwingend eine positive Arbeitsatmosphäre.

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12:00

Stunden vergehen wie Sekunden und allzu sicher bin ich mir nicht, wie das Leben so vorbeifliegen kann. Ein Leben ohne wirklichen Sinn, gefüllt mit stumpfer Routine, sarkastischen Kommentaren über jene, die in dieser Zeit zu Wannabe Buddhas, Yoga Gurus und backenden Selbstfindungscoaches mutieren. Kurze Gedankenblitze und ein leichter Anflug einer existenziellen Krise werden flott beiseitegeschoben, denn obwohl ich im Grunde genommen Nichts von Bedeutung mache, rast die Zeit davon.

In der Meetingpause habe ich es immerhin geschafft, nach drei endlosen Stunden der konsequenten Bewegungsverweigerung weg vom Raumschiff Schreibtisch zu kommen, meine Zähne zu putzen und mir ein schmackhaftes koffeinhaltiges Getränk zu krallen.

14:00

Ich schütte Kaffee in mich hinein, als wäre es das Lebenselixier par excellence. Eine fließende Rutsche aus Koffein, die mich an einen Ort der Freiheit bringt, wo man seinem von Normalität geprägten Alltag wieder nachgehen kann und der Preis für das Treffen mit der besten Freundin dank einem Goodie aka polizeiliche Anzeige hunderte von Euros beträgt. Und nicht lediglich 10 € für zwei Flaschen Wein und eine ausgiebige Umarmung zur Begrüßung.

Jetzt ist die Zeit, ab der ich langsam in die Gänge komme, 14:03. Wie war das nochmal mit dem „aus der Ruhe Kraft schöpfen“, Mister Selbstfindung?

Wie ein Tiger schleiche ich in die die Küche und umkreise mein Zielobjekt - den ins Eck gedrängten, beängstigten Kühlschrank. Mein wütendes Bauchknurren lässt seine Tür fast schon freiwillig aufspringen. Die letzten Reste werden geplündert. Welch ein Schreck, denn die Vorräte sind erschöpft.

Der kurze Gedanke des Bereuens, nicht alle Nudelsupplies und Klopapierregale geplündert zu haben - so ein Arrabiata-Fussili Auflauf mit Klopapierschnipsel wär‘ doch was feines jetzt - wird wieder verworfen; ich mag zwar meine Lebensfreude verloren haben, aber nicht meinen Anstand.

16:00

Der produktive Arbeitstag neigt sich langsam dem Ende zu. Glücklich und zufrieden wie ein grinsender Elefant stolziere ich raus aus meinem Büro, die Kollegen wollen sicher einen Afterwork Spritzer trinken gehen. Haaaalt, Stopp. Da war doch noch was.

Anstelle des gemütlichen Gastgartens mit den immer wärmer werdenden Sonnenstrahlen geht’s runter zum Spar, denn mein Freund der Kühlschrank hat Hunger - ich übrigens auch. Immer wärmer wird es auch unter der blitzblauen Polypropylen Maske und während ich mit benebeltem Blick durch meine beschlagene Brille vor der Kiste mit Mangos und Ananas stehe - nur mit einer Flasche Rum im Einkaufskorb -, so habe ich fast das Gefühl, in einem tropischen Land zu verweilen. 

Auf meiner Wolke schwebe ich über den Strand und erspähe eine nette Strandbar, während mir der Geruch von frischer Minze und eines Mojitos in die Nase strömt. Doch ehe das Glas meine durstigen Lippen erreichen kann, strömt eine großzügige Welle Desinfektionsmittel durch die Luft. Da ist sie wieder, die Realität.

17:30

Zurück daheim mit einer Tonne an Snacks und Wein kommt nun mein Lieblingsteil des Tages: Mein effektives Workout, was daraus besteht, sich Workoutvideos von Menschen anzuschauen, wütend zu werden und sich erfolgreich vor dem Workout zu drücken - „Ich mach‘ einfach morgen eins, doppelt intensiv dafür!“

18:30

Komische Zeit dieser späte Nachmittag, denn für ein offizielles Abendessen ist es wohl noch zu früh und für das erste Glas Wein auch.

Nachdem die letzten 2 Stunden damit verbracht wurden, sinnbefreite TikTok Videos anzuschauen und sich lautstark drüber auszulassen, dass das langsam verboten gehört - eine Antwort auf die Frage, WIESO ich es denn dann überhaupt schaue, habe ich noch nicht gefunden, aber man muss ja nicht alles wissen, hm? -, geht es ans Eingemachte. Der Magen knurrt und die selbsternannte Miss Chefköchin schlägt zu. Ein paar Zwiebeln hier geschnibbelt und eine Dose Tomaten dort aufgemacht, stelle ich mir die grundlegende Frage, wie es sein kann, dass kochen doch Spaß macht und erschrecke zugegebenermaßen an diesen Anflug an Positivität. Was der Abend noch so bringen mag?

21:00

Dieser Anflug ist schnell wieder vorbei, denn die mediokre Lasagne und der Salat mit dem übersäuerten Salatdressing - mit meinen Kochkünsten kann ich dir zwar nicht helfen, aber Input für ein paar köstliche Gerichte findest du hier - waren eher mittelmäßig befriedigend und nach einem Blick in die Küche bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, was ein größeres Chaos ist - mein Inneres oder die Arbeitsfläche.

Agendacheck. Das „Corona-Drink-Date“ über Zoom hat schon gestartet - nicht, dass ich wen zum Trinken bräuchte - und ehe ich mich versehe, schmeckt der 3. Spritzer nochmals besser als die ersten Zwei.

22:30

Aus dem Call ausgeklinkt, seufze ich erstmal laut auf. Verzerrte Gesichter und hallende Stimmen, phasenweise schallendes Lachen aus dumpfer Ferne, all das könnte die Beschreibung einer wahnwitzigen, benebelten Partynacht sein. Es ist jedoch nichts weiter als ein schlechter Scherz und ein missglückter Versuch, soziale Distanz zu überwinden.

Ein Glaserl hier und noch eins dort, ein paar Instagram Rezept Postings - die nächtliche Snacklaune meldet sich zu Wort und Projekt Bananenbrot Take 6 erscheint plötzlich nicht mehr allzu abwegig - später und ich beginne Parallelen zwischen mir und einem Hasen zu knüpfen.

Denn nicht nur meine zu Berge stehenden Haare und langen Nägel deuten auf eine frappierende Ähnlichkeit hin, die Lebensweise von ein bisschen Bewegung, gepaart mit, falls man Glück hat, ein paar Streicheleinheiten und dem gefühlt endlosen rumkauen auf allen möglichen Lebensmitteln, lässt keine großen Zweifel über. Läuft da draußen ein flauschiges Äquivalent meinerseits herum, das gerade (m)ein high life lebt?

Ist Entschleunigung jedermanns Sache?

Auch am Ende des Tages erschließt sich mir das Konzept der von allen Seiten groß angepriesenen „Entschleunigung“ nicht, denn ich glaube nicht dran. Woran ich glaube, ist eine innere und tiefgehende Entschleunigung durch brodelndes Leben, durch das Austesten der eigenen Grenzen, das Unmögliche möglich zu machen. 

Was derzeit bleibt ist kein wildes durch die Gegend rasen, keine tagelangen Nächte, keine ausgeprägte Leidenschaft für all die Dinge und Aktivitäten, deren bedeutende Wichtigkeit ich erst jetzt wahrnehmen kann. Auch wenn es mir nicht fehlt, in der stinkenden U-Bahn angerempelt zu werden, schimpfend im Stau zu stehen und das extrovertierte Feuer in mir mit dem benzingleichen introvertierten Tropfen zum Lodern zu bringen, während ich nach drei Tagen und auf der sechsten Party in Folge meinen drölften Vodka Wellness kippe - ich habe wohl aufgehört zu zählen - und mich, trotz lautem Gelächter, innerlich nach ein bisschen sozialer Distanz sehe, so weiß ich nun genau all das zu schätzen.

Solltest du dennoch eher der Optimist sein, findest du dich mit Sicherheit in der andere Sicht der Dinge wieder.

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