Umweltverbesserung durch Coronakrise? Der Rebound-Effekt lässt grüßen! (c) Titelbild Credits: Shutterstock

Umweltverbesserung durch Coronakrise? Der Rebound-Effekt lässt grüßen!

Von der Couch aus die (Um-) Welt retten? Ganz schön anstrengend. Wenn wir endlich wieder raus dürfen, haben wir uns eine Belohnung verdient, oder? Wir werden feiern, einkaufen, Urlaub machen, die smogfreie Luft genießen und vielleicht schnell nach Venedig düsen – das klare Wasser muss man gesehen haben! Schließlich hatte die Natur genug Zeit sich zu erholen, right? Endlich wieder konsumieren, statt daheim zu vegetieren! Oder gibt es da einen Jojo- Effekt?

Luft- und Wasserqualität nehmen dank Ausgangsbeschränkungen vielerorts zu. Tourismusorte können wortwörtlich aufatmen. Und in Wien holen sich die Tauben die Stadt zurück! Wenn das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zurückgeschraubt wird, dann sieht man erst mal so richtig welch negativen Einfluss der Mensch auf die Umwelt hat. Oder eben nicht, wenn er daheim bleibt.

Richtig Durchatmen! Ahhh, nicht nur in China geht der Smog zurück, auch in Europa verbessert sich die Luft spürbar. Die Konzentration von Stickstoffoxid ist über vielen europäischen Städten aufgrund der strengen Isoliermaßnahmen stark zurückgegangen. Zum Glück können wir uns auch von zuhause aus selbst dafür loben wie wir uns märtyrerhaft für den Klimaschutz opfern – während wir den Weg zwischen Couch und Kühlschrank zurücklegen. Wenn das so weiter geht, dann erreichen wir sogar die Klimaziele – im Handumdrehen.

Spoiler: Delfine, Kröten, Vögel und alle anderen Tiere werden sich auch wieder zurückziehen, wenn die Menschen kommen, um sie sich anzusehen! Und pscht: Das klare Wasser in Venedig und die frische Luft überall heißt nicht, dass sich plötzlich alle Schadstoffe in Wohlgefallen aufgelöst haben!

Solange sich in der globalen Gesellschaft das Mantra „Wirtschaftswachstum ist alles!“ hält, werden wir nie langfristige Veränderungen sehen. Warum? 

Coronakrise - Ausrede für die Vernachlässigung von Klimapolitik

Auch während der Finanzkrise 2008 war ein Rückgang der Emissionen bemerkbar, blöd nur, dass sie nach der Krise um 5,9% in die Höhe schnellten. Rebound-Effekt - quasi der Jojo-Effekt des Umweltschutzes.

Denn, wenn das Virus eingedämmt ist, muss natürlich erst einmal der Wirtschaft geholfen werden. Wir alle wissen – geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Auf die Plätze, fertig und produzieren. Schließlich müssen die Verluste ausgeglichen werden. Da kann man schon die eine oder andere Kapazität im Unternehmen voll auslasten. Es müssen ja alle topmotiviert sein, nach dem „Corona-Urlaub“ - die Industrie läuft auf Hochtouren. 

Wenn wundert es da, wenn zum Beispiel die europäische Autohersteller-Lobby eine Lockerung der Klimavorgaben fordert? Noch versucht die EU-Kommission, ihrer Klimapolitik - inklusive Green Deal - treu zu bleiben. Momentan wird darüber verhandelt ob man die geplante Einsparung von 40% der Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 nicht auf 50% oder sogar 55% erhöhen soll. Bleibt abzuwarten, ob sich der wirtschaftsseitige Druck, aufgrund der Folgen von Covid-19 etwas nachsichtiger zu sein, erhöht. Gefordert wäre Nachhaltigkeit statt Nachsichtigkeit!

Konsumdeprivation hat uns alle hart getroffen, da darf man sich schon mal gönnen, oder?

Oder ist uns das Ganze doch nicht so sehr abgegangen? Haben wir vielleicht erkannt, was für uns wirklich wichtig ist und was letztlich auch überflüssigen Stress bedeutet? Sind Gesundheit und die Leute, die dafür sorgen, dass wir gesund und munter sein können, eigentlich doch ganz wichtig? Und die Umwelt vielleicht auch?

Eine Änderung unseres Lebens muss die mindeste Wertschätzung sein, die wir unserer Gesundheit und auch der unserer Liebsten entgegen bringen können. Nicht nur, weil uns die Regierung temporär vorschreibt, unser Leben zu ändern und uns an gewissen Stellen einzuschränken, sondern unserer selbst willen

Wir isolieren uns, um die Alten und Kranken zu schützen, und üben uns in Verzicht. Nach der Krise ist es Zeit an unsere Jungen, Kinder und Kindeskinder zu denken. Sollen wir uns nicht auch dafür bemühen, dass sie zumindest die Chance auf ein gutes Leben in Einklang mit der Natur haben? Oder doch lieber mit dem Billigflieger ins nächste Club-Urlaubsparadies?

Sehen wir endlich ein, dass die eigene Gesundheit und die Einhaltung von Klimazielen nicht unabhängig voneinander sind. Solidarität geht ja, also wieso nicht auch, wenn es um die Klimarettung geht? Zwar passiert die Klimakatastrophe aktuell noch weit weg von uns und wir merken davon akut noch nichts, außer dass wir im Sommer schwitzen und im Winter den Schnee vermissen. Doch auch wir werden nicht allzu fern in der Zukunft von schlimmeren Konsequenzen heimgesucht werden - Stichwort: Preisentwicklung, Wassermangel, Katastrophen. 

Es gibt zudem jetzt schon genug Menschen, die unter Unwetter, Überschwemmungen, Lawinen, Dürre, Ernteausfällen usw. leiden! Unangenehm? Ja, das soll es auch sein!

Pessimistischer Optimismus für die Zukunft

Bleibt nur zu hoffen, dass die solidarische Wir-Kultur, die sich in Zeiten der Pandemie herauskristallisiert hat, auch nach der Krise bestehen bleibt und wir nicht den Part der individuellen Isolation beibehalten. Und auch die Bevorzugung des Lokalen - im Gegensatz zum blinden Vertrauen in den Globalismus - könnte ein Umdenken sein, dass sich nicht zuletzt im Umweltschutz wiederspiegelt. Oder habt ihr doch alle bei Amazon und Konsorten bestellt?

Diese kurzfristigen Effekte - diese kurzfristige Atempause der Natur - darf uns nicht dazu verleiten, nachhaltige Maßnahmen aufzugeben. Jetzt ist nicht die Zeit, sich auf den klimaschützenden Lorbeeren auszuruhen. Mehr denn je gilt es jetzt, dran zu bleiben, damit wir die Klimawende schaffen! Nur weil sich kurzzeitig Luft- und Lichtbelastungen verbessern, heißt das nicht, dass die Natur sich erholt hat. Für langfristige Ergebnisse ist der momentane Lockdown noch viel zu kurz und ehe wir uns versehen, beginnt der Alltag wieder und die kleinen Fortschritte sind dahin!

Solange die Wirtschaft zukünftig nicht nachhaltiger gestaltet wird, können wir uns nur sehr kurz über positiven Effekte auf die Umwelt freuen.

PS.: Wer daheim den ganzen Tag das Licht brennen lässt, einheizt, Computer, TV und Radio keine Ruhe gönnt und auch noch streamt, der braucht sich nicht so gut vorzukommen, nur weil er keinen Wochenendkurztrip macht oder das Auto stehen lässt. 

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